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Velo-Recycling als Hilfe zur Selbsthilfe

Von Angelina Rabener

Geht es um Hilfsprojekte, ist Martin Richard aus Bottighofen kein unbeschriebenes Blatt. Als Vereinspräsident von Pro Schule Ost sammelt er Schulmöbel und Schulmaterial, um sie bedürftigen Schulen in Osteuropa weiterzugeben. Aber auch alte Velos stehen auf seiner Sammelliste.

Kreuzlingen Martin Richard war 40 Jahre lang Primarlehrer in Kreuzlingen. In dieser Zeit kam die Anfrage einer Schule aus Ungarn, ob es in der Schweiz nicht altes Schulmobiliar gebe, das nicht mehr gebraucht werde. «Wir fragten herum und wurden schnell fündig, weil Schulen bei uns immer wieder ihr Mobiliar erneuerten», erinnert sich der 69-Jährige. 1997 gründete er den Verein Pro Schule Ost, der ausgedientes Schulmaterial wie Stühle, Tische und Wandtafeln nach Rumänien, Moldawien und Bulgarien transportiert. Mittlerweile gehören zu dem Hilfswerk 150 Mitglieder und rund 40 aktive ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. In einer grossen, alten Scheune in Lengwil stapelt sich das gesammelte Mobiliar, das alle zwei Monate in die Ostländer gefahren wird.

600 alte Velos pro Jahr

Aber auch viele Velos und Fahrradteile stapeln sich in dem Lager. Denn zeitgleich engagiert sich Martin Richard im Verein Selbsthilfeprojekt im Osten. Vor rund 25 Jahren entstand die Idee, mit dem Sammeln von ausgedienten Velos in der Ostschweiz, Arbeitsplätze in Rumänien zu schaffen. Seitdem sammelt er alte Velos. Pro Jahr kommen so ca. 600 Stück zusammen. Insgesamt wurden schon 16'000 gesammelt. «Meist sind es Velos, die schon lange an Schulen oder Bahnhöfen stehen, die niemand mehr braucht. Die Abwarte melden sich bei mir und ich hole die Fahrräder ab», erzählt er. Auch Privatleute würden sich bei ihm melden. Für fünf Franken holt er die Velos dort ab. «Man glaubt es kaum, wie die Menschen manchmal noch an ihren alten, kaputten Velos hängen und mir Geschichten darüber erzählen», so Richard. Doch er könne das gut verstehen. «Schon als Kind war ich fasziniert von Velos. Später fuhr ich mit dem Velo zur Arbeit und unternahm auch privat viele Velotouren mit meiner Frau», erzählt er. In Rumänien habe er Menschen kennengelernt, die die gleiche Begeisterung teilen. Junge Männer mit handwerklichem Geschick. Für sie sammelt Martin Richard die alten Fahrräder. Die Männer reparieren die Velos, fahren dann in die Dörfer und verkaufen die Fahrräder für 30 bis 100 Euro, je nach Marke und Zustand des Fahrrads. So sichern sie sich die Existenz für sich und ihre Familien.

Velowerkstatt im alten Schuppen

Vor zehn Jahren lernte Martin Richard Thomas aus der Slowakei kennen, der als Strassenmusiker, Bettler und Tagelöhner in der Schweiz unterwegs war. «Thomas ist ein junger Roma. Ein gläubiger Christ, vertrauenswürdig, fleissig, hat ein Herz für andere und ist handwerklich geschickt. Als verheirateter Vater von zwei Kindern hat er leider noch nie eine bezahlte Arbeit auf Zeit gehabt», bedauert Richard. Romas hätten einen schlechten Ruf. Und viele haben diesen auch zu Recht», betont er. Darum sei es für Rechtschaffende wie ihn schwer, Arbeit zu finden. Doch es gibt Hoffnung. Nachdem auch Thomas in einem kleinen Schuppen begann Velos zu reparieren, um Geld zu verdienen, hat er nun offiziell die Bewilligung in seinem Wohnort in Sabinov eine Velowerkstatt aufzubauen. «Die ersten Schritte hat er mit Erfolg genommen», sagt Richard. Nun würden ihm aber noch ca. 8500 Euro für Werkzeug, einen Hebelift und für den Umbau des Schuppens fehlen. «Diese Velo- und Autowerkstatt wäre der Durchbruch für ihn, mit der Aussicht, junge Arbeitslose tageweise beschäftigen zu können. Wir möchten ihm helfen, setzen aber klare Bedingungen und kontrollieren und begleiten das Projekt.»

Obwohl Martin Richard noch voller Tatendrang ist, sucht er einen Nachfolger für das Präsidentenamt. «Ich werde bald 70 und lasse mich darum gerne ein zweites Mal pensionieren.» Sozial engagieren möchte er sich aber nach wie vor.


Untersee Nachrichten vom Donnerstag, 28. November 2019, Seite 32