E-Paper - 31. Oktober 2019
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Wer entscheidet, wann und wie es zu Ende geht?

Interview: Angelina Rabener

Der Evangelische Kirchenrat Thurgau ist beunruhigt, dass immer offener über assistierten Suizid als normale Form des Sterbens gesprochen wird. Darum hat er das Buch «Den Weg zu Ende gehen» veröffentlicht, das innert drei Monaten vergriffen war. Pfarrer Wilfried Bührer, Präsident des Evang. Kirchenrats erklärt, warum das Thema so wichtig ist.

Herr Bührer, in «Den Weg zu Ende gehen» setzt sich die Evangelische Landeskirche Thurgau mit dem Thema begleiteter Suizid auseinander. Was war der Grund für diese Publikation?

Die Tatsache, dass immer offener über den assistierten Suizid als ganz normale Form des Sterbens gesprochen wird, beunruhigt uns. Es sind zwar zurzeit noch wenige, die auf diese Weise aus dem Leben scheiden, aber wenn deren Zahl markant zunimmt, wird das viel verändern, nicht zum Guten.

Woran liegt es, dass manche Menschen selber entscheiden möchten, wann und wie es vorbei ist?

Der moderne Mensch ist es gewohnt, in vielen Dingen selbst entscheiden zu können: Lebens- und Familienform, Berufswahl, Kinderzahl, Wohnort… Da liegt es nahe, auch über den Zeitpunkt des Todes selber bestimmen zu wollen.

Sterben und Tod scheinen planbar geworden zu sein. Wie steht die evangelische Landeskirche Thurgau zu Sterbeorganisationen wie zum Beispiel «Exit»?

Wir urteilen nicht über Institutionen. Vielleicht ist es für den einen oder andern ja tatsächlich hilfreich, im Hinterkopf den Gedanken haben zu können: Ich könnte schlimmstenfalls auch auf diese Weise aus dem Leben scheiden. Was wir jedoch ablehnen, ist die immer lauter werdende Forderung, auch an Menschen, die nicht sterbenskrank sind, das todbringende Präparat zu verabreichen.

Vor allem auch immer mehr ältere Menschen wollen nicht mehr leben, weil sie Schmerzen haben und einsam sind. Haben Sie dafür Verständnis?

Ja, im einzelnen Fall habe ich Verständnis. Ich verurteile niemanden. Aber was die Bekämpfung von Schmerzen betrifft, hat die Medizin in den letzten Jahrzehnten grosse Fortschritte gemacht. Und was die Vereinsamung betrifft, ist das auch eine Anfrage an die Gesellschaft: wie weit wollen wir es mit der Individualisierung und Vereinzelung noch treiben?

Glauben Sie, dass Sie mit dem Buch ein Umdenken in Bezug auf den begleiteten Suizid erreichen?

Der reissende Absatz unserer Bücher zeigt, dass ein Bedarf besteht, darüber zumindest vertieft nachzudenken. Bis jetzt wurde die Diskussion vor allem von Befürwortern aller möglichen Formen von Sterbehilfe dominiert. Wir möchten dem etwas entgegensetzen, und zwar mit Argumenten. Diese haben wir, und sie sollten sowohl für Gläubige als auch für Nicht-Gläubige nachvollziehbar sein.

Im Buch kommen Betroffene, Pfarrer, Spitalseelsorger, Palliativärzte und sogar Juristen zu Wort. Welche Zielgruppe will man mit «Den Weg zu Ende gehen» ansprechen?

Das Buch ist über weite Teile allgemein verständlich. Wir wollen Menschen ansprechen, die sich mit dem Thema beschäftigen oder vielleicht auch unfreiwillig mit entsprechenden Situationen im persönlichen Umfeld konfrontiert sind. Daneben bietet es zudem Fachbeiträge; das Buch und die darin enthaltenen Überlegungen sollen auch von Fachleuten ernst genommen werden.

«Menschen, die Suizid begangen haben, kommen nicht in den Himmel», sagen die streng Gläubigen. Was glauben Sie?

So steht es nirgends in der Bibel, und es steht uns auch nicht zu, über solches zu urteilen. Wer ausser Gott weiss denn schon, was in einem Menschen vor dem Tod vorgegangen ist? Und auch ich selber kann nicht mit Sicherheit sagen, dass ich allem gewachsen sein werde, was auf mich zukommt. Aber ich möchte tatsächlich nicht darüber entscheiden müssen, wann meine Sterbestunde ist. Ich möchte das meinem Schöpfer überlassen.

Untersee Nachrichten vom Donnerstag, 31. Oktober 2019, Seite 28 (28 Views)

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