E-Paper - 07. März 2019
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«Ich habe gesehen, wie Frauen diskriminiert werden»

Interview: Janine Sennhauser

Julia Onken, Psychotherapeutin und Gründerin des Frauenseminars Bodensee, setzt sich seit Jahren für die Gleichstellung von Mann und Frau ein. Im Interview erzählt die 76-Jährige, was diesbezüglich noch getan werden muss und wieso sie es liebt, eine Frau zu sein.

Region Morgen Freitag findet der internationale Frauentag statt. Im persönlichen Interview erklärt Julia Onken, wieso sie sich für Frauen stark macht und wie Frau am besten auf Diskriminierung reagieren kann.

Julia Onken, morgen ist der internationale Frauentag. Was möchten Sie den Frauen der Welt gerne sagen?

Wir haben dafür gekämpft, dass Menschenrechte auch Frauenrechte sind! Also sorgt dafür, dass sich das Rad nicht rückwärts dreht und sich patriarchale Kulturen einschleichen!

Wie hat sich die Rolle der Frau Ihrer Meinung nach verändert?

Die Zeit ist definitiv vorbei, wo Frauen ausschliesslich für den Mann zudienende Funktionen übernehmen müssen und für den Nachwuchs zu sorgen haben.

Was wünschen Sie sich für die Frauen der Welt?

Dass sie selbstbestimmt ihr Leben gestalten können und sie ihre Fähigkeiten und Talente frei entfalten. Dass sich niemand das Recht herausnimmt, ihnen eine bestimmte Lebensform aufzuzwingen. Und dass Schluss damit ist, die Unterdrückung der Frau unter dem Deckmantel sogenannt religiöser Werte zu legitimieren.

Wenn Sie einen Tag lang über die Schweiz bestimmen könnten, was würden Sie tun?

Schulfach Menschenrecht in der Primarschule einführen! Humanistische Wertevermittlung! Eid auf unsere Verfassung leisten: wer hier lebt, verpflichtet sich unseren Rechtsstaat zu respektieren.

Was muss sich in der Schweiz politisch ändern, damit Frauen gleichgestellt werden?

Mann muss dafür sorgen, dass Mädchen nicht nur jeden Beruf erlernen und jedes Studium absolvieren können, sondern die erworbenen Kompetenzen auch hinterher umsetzen können. Das heisst: Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in der Schweiz immer noch ein Fremdwort. Ein spezielles Augenmerk gilt auch den zugewanderten Frauen. Es kann nicht sein, dass der Ehemann, der Bruder oder der Vater über sie bestimmt.

In Ihrem neuen Buch «Mit dem Herzen der Löwin» analysieren Sie, wieso Frauen in Chefpositionen noch immer rar gesät sind. Was können wir tun, um das zu ändern?

Wir müssen die Dinge beim Namen nennen. Das ist immer der erste und wichtigste Schritt. Dann sollten Bedingungen hergestellt werden, die es einer Frau ermöglichen auch mit kleinen Kindern oder als Alleinerziehende problemlos den beruflichen Anforderungen in der Chefetage zu genügen. Und dazu gehört eine anständige Infrastruktur für die Kinderbetreuung.

Sind Sie gerne eine Frau?

Was für eine Frage! Selbstverständlich!

Was ist Ihrer Meinung nach das schwierigste am «Frausein»?

Zu meinen, allen gefallen zu müssen! Sich mit Anpassungsleistungen herumzuschlagen und sich dabei selbst abhanden zu kommen.

Was das Beste?

Die meisten Frauen haben eine untrügliche innere Navigation, die sie auf Kurs hält, wenn sie Gefahr laufen, sich selbst zu verlieren.

Vor über dreissig Jahren haben Sie das Frauenseminar Bodensee gegründet. Weshalb?

Es war mir schon damals klar, wie wichtig es ist, dass sich Frauen nicht nur weiterbilden, sondern gleichzeitig mehr Selbstbewusstsein erlangen. Deshalb sind alle Lehrgänge die bis zum Abschluss von eigd. Diplomen und Fachausweisen führen neben Wissensvermittlung gleichermassen daraufhin angelegt, einen guten Selbstkontakt zu entwickeln.

Wie hat sich das Frauenseminar Bodensee verändert?

Ich habe damals als Einfraubetrieb begonnen. Der Andrang war zwar derart gross, dass ich Seminarteilnehmerinnen darum gebeten habe, das Frauenseminar Bodensee bitte nicht weiter zu empfehlen. Irgendwann kam mir dann die Idee, Dozentinnen und Dozenten zu engagieren.

Sie sind Psychotherapeutin, Autorin und Supervisorin. Haben Sie trotz Ihres erfolgreichen Werdegangs mit Diskriminierung zu kämpfen?

Nein, ich kann mich nicht beklagen. Aber vielleicht hat es damit etwas zu tun, dass ich mich ohne Wenn und Aber stets als dem Mann gleichwertig empfunden habe. Aber ich habe die Augen nicht verschlossen und gesagt: «Danke mir geht es gut.» Ich habe sehr wohl gesehen und beobachte es immer noch, wie Frauen diskriminiert werden.

Wie können sich Frauen gegen Diskriminierung wehren?

Schluss mit Verharmlosung und Beschönigung! Vor allem Frauen, die weniger davon betroffen sind, sollten den Mund aufmachen und Stellung beziehen.

Gibt es noch etwas, was Sie sagen möchten?

Sich für feministische Anliegen stark zu machen hat nichts mit einem individuellen Zeitvertreib zu tun, sondern ist ein politisches Bekenntnis.

Frauenfelder Nachrichten vom Donnerstag, 7. März 2019, Seite 1 (17 Views)

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