E-Paper - 28. Februar 2019
Frauenfelder Nachrichten
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Frauenfeld Er ist Zuhörer, Seelsorger und Prediger. So, wie man sich einen Pfarrer vorstellt: Höflich, bescheiden. Und redselig ist er, der Pfarrer Hanruedi Vetsch, von allen nur «Haru» genannt. Seit 25 Jahren steht er offiziell im Dienst von Gott. Den Ruf des Herrn hat der heute 57-Jährige aber schon viel früher gehört. Vetsch erinnert sich: «Bei meiner Konfirmation habe ich den Pfarrer so erlebt, dass ich mir gesagt habe: 'genau so will ich sein'. Mich mit dem Glauben auseinander zu setzten, war schon damals meine Welt.»

Ein guter Pfarrer

Wer Pfarrer werden will, studiert Theologie. Bei Vetsch dauerte der Weg vom Studenten zum Pfarrer etwas länger. Insgesamt acht Jahre. «Ich ging sechs Jahre in Brasilien zur Schule. Der Stoff war anders als hier in der Schweiz. Deshalb hatte ich schon im Gymnasium so meine schulischen Schwierigkeiten. Der Wunsch, Theologie zu studieren, hat mich aber immer begleitet.» Auch an der Universität hatte Vetsch eine harte Zeit. Und das nicht nur, weil er sein Studium selber finanzieren musste. «An der Uni musste man noch mehr Sprachen können. Die Fächer Hebräisch und Lateinisch habe nicht auf Anhieb bestanden. Als ich Lateinisch auch nach dem zweiten Versuch nicht bestand, meinte der prüfende Professor zu mir: 'Sie werden schon noch ein guter Pfarrer.'» Und so kam es. Vetsch gehört seit 14 Jahren der evangelischen Kirchgemeinde Frauenfeld an. Und er ist beliebt. Weil er ein guter Zuhörer ist, schweigen kann, wenn es nötig ist und sich Zeit für die Menschen nimmt.

Begegnungen

Wenn Vetsch zurückdenkt, erinnert er sich nicht an jede Kirche, in der er gepredigt hat. Was geblieben ist, sind die Begegnungen, die er sowohl in seiner ersten Anstellung in Neuhausen am Rheinfall wie auch danach in Rüschlikon ZH und schliesslich in Frauenfeld machen durfte. «Ich bin jemand, der von Begegnungen lebt. Wie der Philosoph Martin Buber schon sagte: 'Alles wirkliche Leben ist Begegnung.' Dieses Zitat ist mein Lebensmotto.»

Die Bibel in der Hosentasche

Der Stellenwert des Glaubens in der Gesellschaft hat sich verändert. Wie Vetsch zugibt, hat auch sein eigener Glaube eine Entwicklung durchgemacht. «Ich muss sagen, als Jugendlicher war ich sehr eifrig. Ich wollte meinen Glauben weit verbreiten. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass es keine Rolle spielt wie man glaubt.» Die Angewohnheit, stets ein Exemplar des neuen Testamentes in der Hosentasche mitzuführen, hat Vetsch schon lange abgelegt. «Ich muss nicht immer eine kleine Bibel dabei haben. Wenn man mit einander redet und sein Herz mit anderen teilt, findet Glauben automatisch statt.» Zum Thema Zweifel gibt der Pfarrer eine überraschende Antwort: «Zweifel sind immer wieder vorgekommen». Vor allem während Schicksalsschlägen habe er «den Plan Gottes» nicht immer verstanden. Für solche Momente hält er für sich fest: «Ich sage mir immer, dass ich an Gott glauben will, auch wenn ich ihn nicht verstehe.»

Wieviel verdient ein Pfarrer?

Obwohl Vetsch beliebt ist, weiss er um die Vorurteile gegenüber seiner Berufsgattung. «Die Leute fragen sich, wieviel ein Pfarrer verdient und wieviel er wirklich arbeitet.» Doch gemäss Vetsch gehört mehr zu seinem Beruf, als der Gottesdienst am Sonntag. «Tatsache ist, dass der Pfarrer, sowohl katholisch, als auch evangelisch, eine grosse Aufgabe zu bewältigen hat.» Man wolle jedem gerecht werden, was eine enorme Belastung sein könne. «Ich kenne Kollegen, die ein Burnout hatten.» Auf die Frage, ob er von seinem Lohn gut leben kann, reagiert er mit einem Lächeln. Er verdiene «gleich viel wie ein Mittelschullehrer». Davon lasse es gut leben.

Dankbarkeit

Das Motto des Jubiläumsgottesdienst vom kommenden Sonntag ist «Dankbarkeit». «Es geht mir nicht darum, zu zeigen, was ich alles 'geleistet' habe. Ich möchte dankbar sein. Dankbar für alle Menschen, die mich unterstützt haben. Und dankbar für die Kirchgemeinde Frauenfeld und alle, die ich in Freud und Leid begleiten durfte.»

Frauenfelder Nachrichten vom Donnerstag, 28. Februar 2019, Seite 3 (9 Views)

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